Opfere deine Selbstbestimmtheit nicht dem Selbstoptimierungswahn

Opfere deine Selbstbestimmtheit nicht dem Selbstoptimierungswahn

9. Oktober 2019 Bewusstheit eigener Stärken 0

Erinnerst du dich noch an das Märchen „Hans im Glück“?
Hans ist sieben Jahre in die Lehre gegangen und erhält von seinem Meister zur Belohnung einen Goldklumpen „so groß als Hansens Kopf“.

Ist Hans ein Vollidiot?

Weil dieser Goldklumpen so schwer zu tragen ist, tauscht er das Gold gegen ein Pferd ein, dieses wiederum gegen eine Kuh, und so weiter. Nachdem er auch seinen letzten Tausch loswerden kann, einen schweren Stein, hüpft er frei und vergnügt nach Hause und befindet: „So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne!“
Allerdings: Finanziell gesehen ist Hans ein Vollidiot. Er tauscht eine Sache gegen die andere – mit immer geringerem Gegenwert. Am Schluss bleibt ihm nichts vom hart erarbeiteten Lohn der vergangenen sieben Jahre.

Im Jahr 2019 wäre die Geschichte möglicherweise anders verlaufen.

Hans‘ Fitnessarmband mit Bluetooth-Schnittstelle hätte angezeigt, wieviel effektiver für die Gesundheit es sei, mit Goldklumpen zu hiken statt mit leeren Händen und ein passendes Trainingsprogramm angeboten. Seine Ernährungs-App hätte ihn rechtzeitig vorm Kaloriendefizit gewarnt. Bei YouTube hätte Hans eine Anleitung zum Thema „Kühe melken“ anschauen können statt seine Kuh gegen ein Schwein zu tauschen.

Quantify yourself?

Wir Menschen wollen unser Leben möglichst nutzbringend gestalten. Deshalb verschreiben sich viele von uns dem Prinzip der Selbstoptimierung.
Verständlich, denn dahinter steckt eine sehr menschliche Sehnsucht: In einer zunehmend komplexen Welt möchten wir wenigstens über eins die Kontrolle behalten: Über uns selbst.
Das Beste aus sich rauszuholen entspricht überdies dem Zeitgeist.
Und so beginnen wir, Daten über uns selbst zu sammeln, um daraus Schlüsse für das eigene Handeln zu ziehen. Apps und andere digitale Helfer sollen unser Sein messbar und damit optimierbar machen. In der Fachsprache wird dabei vom „Quantified Self“ gesprochen.
Selbstoptimierung hat durchaus Vorteile: Wer an sich arbeitet, sich diszipliniert und dadurch Erfolge erringt – ob die langersehnte Beförderung, den erfolgreich absolvierten Marathon, das selbst geschreinerte Schränkchen – erlebt ein Glücksgefühl. 

10-Punkte-Plan fürs Glück?

Die Suche nach Glück gilt häufig als Formel für gelungene Selbst- und Lebensführung. Also laden wir auch hier eine App herunter oder machen uns einen 10-Punkte-Plan. Und so wird Selbstoptimierung oft mit Selbstbestimmtheit gleich gesetzt. Doch wer stets besser werden und den eigenen Marktwert erhöhen will, danach strebt, sich an Vorbilder anzunähern und dem eigenen (Glücks-)Ideal möglichst nahe zu kommen, erlebt möglicherweise genau das Gegenteil: Man ist nie gut genug und nur kurzfristig mit sich zufrieden. Über allem schwebt die Hoffnung, dass hinter der nächsten Wegbiegung endlich die eigene Freiheit und das Glück warten oder mit der nächsten App Ruhe und Zufriedenheit einkehren. Stattdessen lenken wir uns eigentlich von uns selbst ab und haben immer noch kein echtes Gespür für das, was uns wahrhaftig gut tut. Oft ist der eigene Selbstwert eng an das Handeln im außen und das Erleben von Erfolgen geknüpft. Dann bleiben die Veränderungen oberflächlich, tiefe Zufriedenheit will sich nicht einstellen.

Unser „Hans im Glück“ kannte das Konzept der Selbstoptimierung nicht, wohl aber die Sehnsucht nach innerer und äußerer Freiheit, die ihn bei seinen zugegeben naiven, aber doch völlig selbstbestimmten Entscheidungen geleitet hat. Hans’ Weg mag nicht der meine oder der deine sein – er hat jedenfalls nach seinen eigenen Maßstäben und Bedürfnissen gehandelt. 

Wie entsteht Selbstbestimmtheit?

Wenn wir uns für das öffnen wollen, was wahrhaftig in uns steckt, brauchen wir den Mut, anzuhalten und still zu sein. Den Blick nach innen zu richten hilft, damit sich unser volles Potenzial im Außen entfalten kann und gleichzeitig die Richtung stimmt. Der Sinn besteht eben nicht darin, immer höher, schneller, weiter zu kommen, sondern unsere Energie zu bündeln und die Aktivitäten zu wählen, die uns ein waches, selbstbestimmtes Leben ermöglichen und bei Bedarf die gut eingelaufenen Pfade zu verlassen.
Selbstbestimmtheit erfordert einen guten Selbstzugang. Nichts spricht dagegen, den Alltag mit Zahlen, Daten und Fakten anzureichern, doch die entscheidenden Antworten liefert uns unser Inneres!

Diesen Blick nach innen können wir üben – durch Meditation und bewusste Lenkung unserer Aufmerksamkeit, z.B. bei Alltagshandlungen. 

Hast du Lust auf eine einfache Übung? Dann nimm dir ein Blatt und einen Stift und schreibe folgende Frage auf:

Wer bin ich – jenseits vom Funktionieren im Alltag und den Erwartungen der anderen?

Falte das Blatt zusammen und stecke es in deine Hosen-/Jacken- oder Handtasche.

Setz dich einmal (oder zweimal) am Tag still hin.

Stell’ dir den Wecker oder Timer auf 3 Minuten.

Die Augen kannst du schließen, wenn dir das angenehm ist.

Beobachte deine Gedanken, Gefühle und Impulse, die entstehen, während du in Stille sitzt. 

Du musst jetzt nichts tun oder leisten, sondern einfach nur da sein und atmen.

Nimm alles wahr, was da ist. 

Bewerte nichts. Erlaube dir, einfach da zu sitzen und so zu sein, wie du jetzt gerade bist (mit allem, was dir in den Sinn kommt). Bleibe einfach dran.

Führe die kleine Übung ab jetzt täglich durch. Setz‘ dir eine Erinnerung in den Kalender, damit du auch wirklich dran denkst.

Lass außerdem den Zettel mit der Frage in deiner Tasche mit dir durch den Alltag wandern.

Wenn du das regelmäßig praktiziert, wird sich rasch (in 2 – 3 Wochen) ein Effekt einstellen: Deine Präsenz wächst, deine Beobachtungsgabe (für dich selbst und andere) schärft sich, der Zugang zu den eigenen Befindlichkeiten wird klarer, es wird deutlicher, was sich für dich „richtig“ oder „falsch“ anfühlt.

Warum haben wir es heute schwerer als „Hans im Glück“ im Märchen?

Hans hatte auf seiner Wanderung viel Zeit und Muße um sich bewusst zu werden, was er wirklich will und was ihn wahrhaft zufrieden macht. Unser Alltag sieht da anders aus, von allen Seiten prasseln Ablenkungen auf uns ein.

Möchtest du dranbleiben am Thema „Selbstzugang“? Dich nicht weiter ablenken lassen? Dann könnte unser Unbox Yourself Impulsabend etwas für dich sein.

Wir wünschen dir eine wache & selbstbestimmte Zeit!

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