Der Haken mit dem Glück

Der Haken mit dem Glück

4. Juni 2020 Flexibles Selbstbild 0

Thomas Jefferson konnte vor knapp 250 Jahren unmöglich gewusst haben, dass um eine seiner Ideen heute so viel Theater gemacht wird. Er berief sich nämlich bei der Erklärung der Unabhängigkeit Amerikas von Großbritannien darauf, dass das Streben nach Glück ein natürliches, gottgegebenes Recht aller Menschen ist (genauso übrigens wie Leben und Freiheit). Heute ist aus diesem Streben eine ganze Branche geworden. Jede beliebige Buchhandlung führt einen schier endlosen Katalog an Glücksratgebern.

Das Problem dabei ist nur, wenn wir immer glücklich sind, dann schadet uns das mehr, als dass es gut tut. Und dies hat gleich mehrere Gründe. Hier kommen die drei wichtigsten.

Intoleranz gegenüber Frustration

Erstens beraubt uns der permanente Blick aufs Glück vieler Chancen. Durch die laufende Fokussierung auf das was sich gut anfühlt gewöhnen wir uns nämlich an, Frustration und unangenehme Gefühle nicht mehr auszuhalten. Allerdings sind natürliche Abläufe und Entwicklungsprozesse in Phasen angelegt, und manche davon sind unangenehm. Das beginnt schon früh im Leben mit den Zahnungsschmerzen. Sicher hattest du auch schon einmal Muskelkater oder warst nach dem Sport kaputt. Gezielt eingesetzt nennt sowas Training. Auch innere Entwicklung ist oft damit verbunden, sich alles andere als glücklich zu fühlen. Wir alle haben wohl schon einen privaten oder beruflichen Rückschlag erlebt, bei dem wir erst durch ein dunkles Tal und dann gestärkt daraus hervorgegangen sind. Auf der Suche nach dem Glück negativen Gefühlen aus dem Weg zu gehen fühlt sich also vielleicht gut an. Es steuert uns aber konsequent um jegliche Lernerfahrung herum. Vor allem um die bedeutsamen. 

Spirale der Ansprüche

Zum Zweiten ist unsere gesamte (Konsum-) Gesellschaft nach wie vor auf Wachstum ausgelegt. Es gibt sogar den eigenen Forschungszweig der Happiness Economics, die auch erforscht, wie Glücksstreben als Wirtschaftskraft genutzt werden kann. Ganz simpel gesagt ist es ja so, dass wir uns an das, was wir haben gewöhnen, und dann mehr wollen. Noch straffere Schenkel, noch einen größeren Fernseher, noch eine schönere Wohnung, noch mehr Gehalt, usw. Menschen verfügen über eine eingebaute Anpassungstendenz, und diese wird durch die Struktur unseres Wirtschaftssystems gefördert. Wenn du dich also aufmachst und gewappnet mit vielen guten Ratschlägen dein Glück aktiv steigern möchtest, dann mag dir das eine Weile gelingen, doch dann willst du nur eins: mehr! Und es ist wieder vorbei mit dem Glück.

Blind für wichtige Informationen 

Der größte Haken daran, immer glücklich sein zu wollen, ist die Blindheit für wichtige Informationen über uns selbst. Unsere Gefühle sagen uns nämlich sehr deutlich etwas über uns selbst, und das sehr schnell. Insbesondere Gefühle von Widerwille, Abneigung, Ärger und Angst sind sehr deutliche Botschaften über unsere Bedürfnisse und Wünsche. Wenn wir nur das Glück suchen blenden wir diese Gefühle so schnell wie möglich aus und wollen sie loswerden. Und damit werden wir blind für die fundamentalste Erkenntnis über uns selbst: was wir wirklich wollen und was uns wichtig ist.

Wege zur Zufriedenheit

Das Gute ist, diesen Schwierigkeiten einer permanenten Glücksmaxime kannst du gut begegnen. Es braucht dafür drei Dinge:

  • Dich selbst spüren: Das kannst du einfach dadurch trainieren, dass du dich jeden Tag einmal fragst, mit welchem Wort du dein momentanes Gefühl denn beschreiben würdest. Du wirst überrascht sein, wie dünn dein Vokabular zuerst ist. Wir sehen Dinge aber klarer, sobald wir differenzierte Ausdrücke dafür haben.
  • Auf den ruhigen Moment konzentrieren: Lenk dich nicht ab, wenn du im Bus oder an der Haltestelle stehst, lass das Smartphone stecken. Gönne dir einmal Ruhe und sogar Langeweile. Das ist ein Moment nur für dich.
  • Störendes akzeptieren üben: Wenn dir das nächste Mal etwas nicht gefällt, lass das Gefühl ein bisschen länger zu als sonst. Akzeptieren heißt nicht, es gut zu finden, sondern anerkennen, dass es eben da ist. Schau einfach nur hin.

Unsere Coachingformate basieren genau auf solchen wirksamen Hebeln, um einen guten Entwicklungsprozess anzuregen. Möglicherweise wird nämlich Jefferson immer missverstanden. Nicht der Zustand des Glücks ist die Selbstverständlichkeit, sondern der Prozess des Strebens danach. Auch ohne jemals endgültig anzukommen. Das bedeutet dann, dass der Schweiß und die Tränen dazu gehören, um nicht nur pseudo-glücklich zu sein, sondern wirklich zufrieden.

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